Me·ta·mor·pho̱·se (Update)

Altes Leben -Bye . Neues Leben -Hi

Bei mir hat sich in den Wochen unbewusst so viel geändert. Ich habe mich so sehr verändert und auch wenn es noch schwer zu begreifen ist, beginne ich selbst so viele Fortschritte zu sehen!

Ich habe mich von meinem Leben verabschiedet, von meinem alten Leben. Noch nicht zu 100 Prozent, aber ich würde sagen, dass ich mein krankes Leben zu fast 90 Prozent hinter mir gelassen habe und lasse und das wirklich nicht bewusst.

Ich hatte nicht die Intention, wollte nicht mit dem krank sein aufhören.

Ich HABE es geliebt krank zu sein (Betonung auf habe!) aber in den letzten Monaten und Wochen habe ich mich immer mehr für das Leben entschieden.

Un- oder doch eher unterbewusst habe ich mich von alten Mustern, Zwängen und Altlasten distanziert.

Beispiel: Ich habe mir täglich oft die Frage gestellt, was es mir bringen würde, wenn ich mich beispielsweise schneiden würde.

Es würde bluten (Wow!) aber es würde mich nicht glücklich(er) machen.

Es würde mich für den Moment befreien und dann wäre ich noch eingeschränkter als sonst schon: Ich müsste zusehen, dass ich die Blutung soweit in den Griff bekomme, dass ich ein Pflaster draufkleben kann, müsste das Bad putzen, meinen Müll unbemerkt entsorgen, ein Oberteil/eine Hose finden, die ich gut anziehen kann, ohne dass was durch suppt (Sorry wegen der Vorstellung…). Ich müsste die nächsten Tage (oder eher Wochen) so aufstehen, dass ich viel früher (bevor meine Mama wach wird) im Bad fertig und angezogen bin und noch Zeit habe, eventuelle Blutrückstände und Pflasterreste zu entsorgen und ich müsste bei allem möglichen (schon beim Tragen einer Jacke, beim Spielen mit meinem Bruder oder einem Hund) vorsichtig sein, um die Wunde nicht wieder zu öffnen (Denn auch, wenn man es will, gibt es Momente, wo es nicht nur super unpassend (wegen fehlender Pflaster/Verbandsmaterialien), sondern auch unangebracht ist (vor meinem kleinen Bruder).

Und jetzt sagt mir, inwiefern dieser ganze Scheiß eine kurzzeitige Entlastung rechtfertigt?!

Das steht doch wohl in keiner Relation!

Meine Methode:

Erst nachdenken, abwägen, Alternativen finden und dann handeln.

Und nur, weil ich Borderline habe/Borderliner bin, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mich meinem Krankheitsbild entsprechend verhalten muss! Meine Diagnosen lautet emotional-instabil, aber ich bin nun mal nicht (nur) meine Diagnose! Ich gebe zu, ich bin emotional instabil und das nicht gerade selten, aber vielleicht bin ich einfach so und nicht nur der Borderliner in mir!

Natürlich wäre es einfacher zu sagen, dass ich kaum stabile Beziehungen habe, mich immer wieder in Illusionen verrannt habe und in Idealisierungen geflüchtet bin, weil ich Borderline habe, aber das löst meine Probleme nicht! Vielleicht war ich mein Leben lang auf der Suche nach Halt, wollte aber nie was Festes, sondern etwas, zu dem ich aufschauen und woran ich mich orientieren kann… Und vielleicht hab ich auch einfach ne Macke, aber dann ist das alles Teil meiner Persönlichkeit und nicht nur meiner Persönlichkeitsstörung!

Versteht ihr, was ich meine? Man kann nicht immer den ganzen Mist auf seine Krankheit(en) schieben (also kann man schon, aber sollte man nicht…). Wenn man lernt damit und mit sich umzugehen und die Angewohnheiten und Macken für sich anzunehmen, ist es viel leichter damit zu leben! Alles andere ist meiner Meinung nach schwach (natürlich geht das alles nicht auf Anhieb -Diagnose BUMM und sofort lernt man alles zu händeln – nein das braucht natürlich Zeit, aber es sollte keine 10 Jahre dauern. Man muss sich halt seinen Dämonen stellen, wenn man mehr aus seinem Leben machen möchte, als nur krank und hilfsbedürftig zu sein (hart aber wahr & außerdem MEIN MANTRA!).

Ich habe und halte seit nun fast 5 Monaten mein vor drei Jahren in der Klinik festgelegtes Zielgewicht. Bin ich stolz darauf? –Nein. Sollte ich stolz darauf sein? -Vielleicht… Ich fühle mich noch lange nicht wohl in meinem Körper, aber ich sehe es bei weitem nicht mehr so negativ wie früher. Wir haben schließlich nur diesen einen Körper und wir können ihn nur begrenzt verändern. Man kann weder seine Größe beeinflussen, noch können wir uns aussuchen, ob wir lange oder kurze Beine haben wollen. Wir können nichts an unserem Knochenbau ändern.

Ich bin heute glaube ich mehr body positive als je zuvor. Mit meinem Tiefstgewicht habe ich mich dick und hässlich gefühlt. Ich hätte mich niemals als „dünn“ bezeichnet. Höchstens als „normal“. Und jetzt, wo ich ungefähr 20kg mehr wiege, mein BMI mehr als 6,0 höher ist, als vor meinem Klinikaufenthalt und ich mich seit Wochen ernähre, ohne irgendwo einzusparen, fühle ich mich langsam ein wenig besser.

IMG_1915

Vor Wochen noch kamen mir 2000 kcal Referenzmenge für einen durchschnittlichen Erwachsenen enorm viel vor und heute fiel mir erstmals auf, wie wenig das doch ist! Welcher Erwachsene soll bitt von 2000kcal täglich satt werden und sein Gewicht halten?! Und was soll „durchschnittlich“ überhaupt heißen? Wenn 1,60m und 45kg schwere Püppchen von 2000kcal leben können, okay, aber doch kein normaler Erwachsener in der heutigen Zeit. Also ich persönlich glaube ja nicht, dass Männer, die mindestens so groß sind wie ich (1,81m) und die normalgewichtig sind (um die 80kg), sich von 2000kcal täglich ernähren sollten. Ich finde diese Angaben sowieso schwachsinnig. Jeder hat einen individuellen Energiebedarf und Verbrauch, der täglich schwanken kann, aber nett, dass mir das Nutella am Morgen schon vorgibt, dass ich nach einer „normalen“ Portion nur noch 1918kcal für den restlichen Tag übrig habe (Und wer bitte hat festgelegt, dass eine Portion Nutella mickrige 15g sein sollen???). Ich habe aufgehört alles zu zählen. Abgewogen habe ich alles sowieso sehr selten. Manchmal überschlage ich abends und komme jeden Tag auf was anderes, weil ich esse, was ich will, wann ich will und sooft ich will (meistens).

Heute habe ich seit Ewigkeiten mal wieder meine Maße genommen. Ich habe zwar keine 90-60-90, aber die brauche ich auch nicht. Damals hatte ich 71-50-85 und ich schätze, dass es nicht viel weniger geworden wäre (Knochen, Muskeln, Sehnen…) und heute (ich war fast überrascht) waren es 84-60-96. Mehr als 10cm mehr! Krass! Aber ich empfand es nicht als negativ oder gar schrecklich. Es ist okay, denn mit jedem Zentimeter habe ich so unendlich viel Leben gewonnen!

Es ist doch einfach nur traurig, wie ich mein Leben bis jetzt gesehen und gelebt habe: Andere Menschen sind unglücklich, weil sie echte Probleme haben, weil sie Hunger leiden, todkrank sind, ihren Arbeitsplatz verloren haben etc. und die meisten dieser Menschen kämpfen, obwohl sie jedes Recht dazu hätten, in ein Loch zu fallen. Ich war unglücklich und am Boden zerstört und warum? Weil ich keinen 11-er BMI hatte und mir nichts sehnlicher gewünscht habe?! Diese Erkenntnis kam mir zwar immer mal wieder, aber nie so ausgeprägt, wie jetzt. Ich gebe zu, ich bin geschockt! Ich hätte mich nie für einen solchen Egoisten gehalten! Es erschreckt mich, wie oberflächlich ich doch bin… Bin ich jahrelang mit geschlossenen Augen durch die Welt gelaufen, was mich angeht?! Scheint so…

Das Schlimmste ist, dass ich die letzten 7/8 Jahre nicht rückgängig machen kann und das Beste ist, dass ich ab jetzt die Chance habe, sowohl mein Leben zu ändern, als auch mein Ändern zu leben!

Ich glaube es hat endlich KLICK gemacht. Und obwohl es lange gedauert hat und kein offensichtliches, lautes Klick war, bin ich in den letzten Wochen weiter gekommen, als ich es je gedacht hätte! Ich will nicht sagen, dass es einfach ist und dass ich nie mehr zurückfallen werde, aber ich hätte vor Jahren, Monaten, Wochen nicht geglaubt, dass ich überhaupt einmal an einen solchen Punkt kommen würde.

Ob man jemals ganz gesund wird (ich würde es noch immer gerne in Anführungszeichen setzen… „gesund“ ist für mich einfach echter), weiß ich leider nicht, aber selbst, wenn man sein Leben lang Kalorienangaben kennt und auf sein Gewicht und seinen Körper achtet, muss das nicht bedeuten, dass man in kranke Denkweisen verstrickt ist, sondern vielleicht auch nur, dass man ein gutes Gedächtnis hat.

Ich war mal Pro Ana, aber da wusste ich auch noch nicht, was für teuflische und gefährliche Krankheiten Essstörungen sind. Da wusste ich noch gar nicht, dass Essstörungen Krankheiten sind. Zumindest wollte ich es nicht wahrhaben.

Meine Erkenntnisse:

Ich bin nicht weniger wert, wenn ich um 22Uhr noch ein Eis esse, weil ich Lust darauf habe.

Ich bin nicht mehr wert, wenn ich weniger wiege!

Es geht nicht darum, möglichst dünne Arme zu haben, sondern darum, Arme zu haben, auf die ich mich verlassen kann, die mich auffangen, wenn ich stürze.

-Es ist so wundervoll, dass ich aufstehen kann, ohne Angst umzukippen; dass ich Treppen ohne Pause steigen kann; dass ich mich wieder besser konzentrieren kann. Ein Mensch muss essen: nur so bekommt er die Energie, die er braucht, um Leistungen zu erzielen. Ich musste essen, um mein Abitur zu schaffen und ich habe es geschafft!

Ich habe gelernt, dass Essen nicht mein Feind ist, sondern ich selbst!

Ich habe mich bekriegt. Jahrelang und wozu? Um mich zu bestrafen für Dinge, für die ich nichts konnte und manchmal ohne jeden Grund. Ich habe mich lange verstellt, versucht jemand zu sein, den man mag, versucht so zu sein, wie andere es erwarten. Ich habe versucht den Schrecken der Vergangenheit auszugleichen, indem ich das „perfekte Kind“ mimte und das Glück anderer weit über mein eigenes stellte.

Dabei habe ich wirklich nicht realisiert, dass etwas schief und falsch lief… Das erste Mal, dass ich mir wünschte zu sterben, war ich glaube ich 10 Jahre alt. Ich wollte tot sein, um bei meiner verstorbenen Oma sein zu können. Ich verschloss mich und ließ meine Trauer nicht zu und vor allem nie raus. Ich lernte meine Gefühle nach außen zu verbergen und dabei staute sich in mir alles an. Ich errichtete eine Fassade, die ich bis heute habe. Ein Lächeln zeichnet mein Gesicht nun seit Jahren, während meine Arme voller Narben sind.

Ich habe mich jetzt seit einem Monat nicht mehr verletzt und obwohl der Druck noch da ist, weiß ich, dass es nichts bringt. Ich dachte immer, es wäre erst genug, wenn man geklebt und genäht wurde, oder auf der Intensivstation lag, weil man Muskeln, Sehnen, Venen durchtrennt und zu viel Blut verloren hatte. Aber das ist absoluter Bullshit!

Dass man sich freiwillig Wunden zufügt, sich verbrennt, schneidet o.ä. ist doch schon genug. Dass man für sein Leben gezeichnet ist, ist ja wohl genug! Ich möchte später unbedingt anderen helfen, aber wie soll ich das, wenn ich selbst instabil bin?

Ich bin 20 und ich finde, es wird Zeit, um dem ein Ende zu setzen. Ich möchte nicht 30 sein und mit blutigen Strichen auf meinen Armen durchs Leben gehen. Ich habs mir vorgestellt und ich finde nichts schlimmer, als die Vorstellung in einigen Jahren nicht komplett auf eigenen Füßen stehen zu können und ständig auf Hilfe angewiesen zu sein.

Ich versuche also mich als Gesamtpaket zu akzeptieren. Meine Narben gehören zu mir, genauso wie meine Muttermale.

Ja ich habe Narben! Wer nicht?!

IMG_0670

Ich habe mir vorgenommen, mich in Zukunft mehr von anderen Menschen abzugrenzen. Ich kann nicht jeden retten, das ist Fakt und ich kann auch nichts dafür, dass ständig jemand Neues zu mir kommt, um mir von seinen Problemen zu erzählen. In Zukunft werde ich nur noch für die da sein, denen ich wirklich helfen kann und ich will nicht mehr jedes Problem zu meinem eigenen machen.

Es ist schwierig sich abzugrenzen. Und für mich ist es furchtbar hart, wenn ich sehe, dass jemand etwas Ähnliches hat/durchmacht, wie ich, aber es ist nun mal NICHT MEIN PROBLEM!

Ich habe realisiert, dass Abgrenzung bei mir eine wichtige Rolle spielt (wahrscheinlich nicht nur bei mir…). Ich bin alles andere als Trigger-resistent und wenn ich versuche die Probleme anderer zu lösen, komme ich zu kurz. Klingt egoistisch, ist es vielleicht auch, aber man muss auch mal an sich denken. Ich kann anderen nur helfen, wenn ich selbst stabil bin und dann ist das Priorität.

Das heißt nicht, dass ich jetzt nur noch an mich denke, das wäre auch falsch, aber wenn es sich vermeiden lässt, mische ich mich bei niemandem ein, es sei denn er/sie möchte Hilfe und ich kann diese auch leisten.

Ich habe in den letzten so viele Menschen gefunden und verloren und mit jedem kamen neue Einsichten und Erkenntnisse dazu. Es ist der Lauf der Dinge, das Leben ist ein Prozess des Wandels. Und ich sehe ein, dass jeder Mensch, den wir treffen, ist entweder eine Lektion oder ein Geschenk und beides kann uns weiterbringen!

(Ich glaube, wenn ich mir die Gedankenkotze noch einmal durchlese, lösche ich alles -klingt als sei ich ein super positiver Philosoph, dabei bin ich bloß ein Pessimist, der nach Jahren sowas wie den Sinn des Lebens sieht!)

So jetzt komme ich auch schon zum Ende (Betonung auf schon…).

Bei mir hat sich viel getan und ich hoffe, dass es nicht nur für den Moment so ist, sondern das Gefühl, dass mein Leben einen Sinn hat, länger anhält als nur Tage. Ich bin davon überzeugt, dass man im Leben nichts geschenkt bekommt, dass man zwar mal so etwas wie Glück haben kann, aber man auf Dauer selbst hart für das arbeiten muss, was man erreichen möchte. Und ich bin bereit.

Zum ersten Mal bin ich bereit zu kämpfen. Und zwar nicht, weil man es von mir erwartet, auch nicht, weil ich es jemandem recht machen und jemanden glücklich machen will, sondern für mich. Es ist mein Leben und ich will etwas erreichen. Erstmal will ich erfolgreich studieren und dann irgendwann arbeiten. Ich will Zeit mit Freunden verbringen und mein Leben nicht länger vorbeiziehen lassen. Ich werde kämpfen für mich und für meine Zukunft, denn ich habe mich lange genug mit Dingen aufgehalten, die in Zukunft nur noch eine marginale Rolle spielen sollen…, wenn überhaupt.

Ich schaue nach vorn, denn jetzt kann ich auch bald meinen Fallschirmsprung einlösen! Das wäre vor einigen Wochen noch undenkbar gewesen, weil ich alleine den Schirm nicht hätte öffnen wollen und auch bei einem Tandemsprung hätte ich nichts garantieren können. Ich hätte es nicht genießen können, weil ich ständig an die vergeudete Möglichkeit gedacht hätte…

Natürlich sind meine Suizidgedanken jetzt nicht plötzlich weg, aber auch wenn sie an manchen Tagen noch sehr laut sind, sehe ich nur wenige Gründe dafür und einige, die dagegen sprechen.

Ich lebe und das ist okay!

Es geht darum, loslassen zu können und so Größe zu zeigen! Und ich werde mir ab jetzt nicht mehr selbst im Weg stehen, mich nicht mehr klein halten!

Ich denke, ich bin endlich auf einem guten Weg, um aus einem

„Ich lebe“ ein „Ich bin froh, dass ich lebe“

zu machen!

 

Meine Message:

Love yourself first and live your life! You were given this life because you’re strong enough to live it!IMG_1922

 

 

 

 

 

Alles Liebe –

eure Alex  

 

Advertisements

3 Kommentare zu „Me·ta·mor·pho̱·se (Update)

  1. Du bist alles mögliche, aber nicht egoistisch im negativen Sinne. Ich freue mich für dich, dass du diesen positiven Egoismus entwickelst. Wie du gesagt hast: du kannst anderen nur helfen, wenn du die Kraft dafür hast. Kleines praktisches Beispiel: bei den Sicherheitsanweisungen im Flugzeug heißt es immer, du sollst als erstes dir selbst (!) die Sauerstoffmaske aufsetzen bevor du anderen hilfst. Genauso ist es auch in allen anderen Situationen im Leben. Du bist tapfer und mutig und schon so weit gekommen. Respekt! Alles Liebe für dich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s