Über Vorurteile und (fehlende) Toleranz

Dieter ist zu dick
Anne zu freizügig 
& Lukas ist zu klein

Wir Deutschen schätzen uns als fortschrittliches Land ein
Doch vergessen dabei viel zu oft die Ebene, die häufig ein Tabuthema bleibt.

Wir sind intolerant!
Wir lachen über den dicken Dieter und wissen nicht, dass er seit Jahren eine Essstörung hat. Wir verurteilen Anne dafür, dass sie ihren durchtrainierten Körper in Szene setzt, ohne zu wissen, dass sie die letzten Jahre hart gearbeitet und mehr als 20kg abgenommen hat, worauf sie stolz ist und sein kann.
Und der kleine Lukas, der zu klein für einen Mann zu sein scheint, ist erst 15 und der Wachstumsschub steht kurz bevor.
Aber wir urteilen und lachen, um von unseren eigenen Problemen abzulenken.

Wir sind intolerant
Halten an alten Mustern fest und schimpfen auf alles Neue
Wir sind dagegen, dass andere unsere Ehre verunglimpfen
Wir sind dagegen
Gegen das Neue
Und halten bei Weitem viel öfter am Alten fest, als wir meinen

Wir sind konservativ, weil wir so erzogen wurden
Wir sind konservativ –
Aber halt! Wo steht geschrieben, dass KONSERVATIV synonym für INTOLERANT ist?
Wo steht geschrieben, dass man nicht einfach nur ein Arschloch ist, weil‘s so bequemer ist?

Wir lachen…
Wir lachen über die vermeintlich Schwachen, bleiben unter uns und wollen immer nur den einfachsten Weg gehen.
Wir verstehen nicht, warum sich so viele Menschen vermeintlich nicht integrieren. Wir sehen Menschen in unserem Land, die fremde Sprachen sprechen, die mittags im Park gemütlich essen und ärgern uns über mangelnde Integrationsbereitschaft!
Sie sitzen dort und essen, während wir Deutschen arbeiten.
Wir sehen die Menschen und doch wissen wir nicht, dass Yasins Familie schon seit drei Generationen in unserem Land ist. Wir sehen nicht, dass er seiner Frau in der Mittagspause das Essen gebracht hat und sich später für die Nachtschicht als Polizeibeamter fertig macht.

Wir sehen die Menschen, doch für Verständnis sind wir zu blind.

Wir verurteilen, vorverurteilen, haben Vorurteile und davon zu viele.
Wir urteilen übereilt ohne zu Denken.

Nick ist eine Schwuchtel
Selma Muslimin
& Anna ritzt sich

Das siehst und sagst du, doch was sehe ich?

Ich sehe Menschen:
⁃ einen Jungen, der liebt
⁃ eine Frau, die glaubt
⁃ und ein Mädchen, das kämpft
Ich sehe Menschen, die unendlich unterschiedlich sind & gleicher kaum sein könnten, denn sie leben, sie atmen, sie lieben, sie schlafen.
Sie sind Menschen wie du und ich.

Wir haben Vorurteile und davon zu viele.
Wir glauben an Gott und hoffen auf Liebe.
Wir sind ein Volk.
Und wir arbeiten für unser Geld.
Wir sind ein Volk.

Und vergessen dabei oft, dass andere bloß dazugehören wollen.
Sie wollen Teil von etwas sein, das sich Gemeinschaft nennt, dass ihnen Möglichkeiten bietet und sie nicht von ihren Familien trennt.
Sie wollen Teil davon sein
& wie reagieren wir?
Wir reagieren mit Hass und versuchen’s mit Wut.
Und vielleicht tut es sogar gut, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, an anderen rauszulassen.
Aber wozu?

Wir reagieren aus Angst.
Angst vor Veränderungen. Angst vor dem Neuen.
Wir scheuen davor zu zurück, Änderungen zulassen zu müssen.
Wir sind verklemmt & halten bei Weitem viel öfter am Alten fest, als wir meinen…

Wir beharren darauf unser Leben frei zu führen und nicht dieselben Fehler zu machen, wie zuvor unsere Eltern. Wir wollen alles besser machen, aber gleich sollte es schon bleiben.
Wir wollen Fortschritt und keinen Stillstand, aber wir wollen nicht dadurch beeinflusst werden.
Wir wollen Teil des Ganzen, jedoch nicht des Wandels sein, denn scheinbar sind wir nur groß und stark, solange wir andere klein machen und halten.
Das sagt uns doch schon die Evolution:
Im „Kampf ums Dasein“ überlebt laut Darwin nur der, der am besten angepasst ist.
Und die ganzen Einwanderer wollen sich ja nicht anpassen, glauben wir und verurteilen sie durch unsere Vorurteile schon im Vorfeld. Wir nehmen ihnen Chancen, weil wir uns sperren zu glauben, jemand könnte sich integrieren in unsere „hohe Kultur“.
Wir machen dicht, weil wir an unserer Meinung festhalten und nur sie richtig ist.

Wir kritisieren jeden, der anders ist und abweicht.

Und diese ganzen Schwulen und Lesben! Das ist doch widernatürlich!!!
Sagen und denken wir immer wieder, dabei lernen wir in der Schule beim Thema Evolution, dass sich nur Gene, Merkmale & Verhaltensweisen durchsetzen, die sinnvoll sind.
Unnützes wird im Laufe der Zeit sozusagen weg-selektiert.
Aber sorry, aber Homosexualität gibt es nicht erst seit gestern und wenn wir weiter daran festhalten, dass es falsch ist, sind wir keinen Deut besser, als die, die die Geschichte unseres Landes beschmutzt haben.

Wir schimpfen auf die Vergangenheit, für die wir ach so bekannt sind und sind stolz auf unser Land, dabei merken wir nicht, dass sich bis auf die Demokratie & die Farben der Regierung, nicht wirklich viel verändert hat

– gedanklich…

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5 Kommentare zu „Über Vorurteile und (fehlende) Toleranz

  1. Ich bekam Gaensehaut, als ich deinen Eintrag durchgelesen hatte. Danke fuer dieses schoene und echte Gefuehl ^-^. Ich kann dir nur in all dem zustimmen, auch wenn es wirklich traurig ist, wenn man bedenkt, wie viele Vorurteile jeder Mensch in sich traegt und es wird mit jedem Tag nicht besser, denn zu viele schliessen ihre Augen..

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  2. Ein beeindruckender Text, bei dessen Lesen ich viele Gedanken und Bilder im Kopf hatte.

    Wer so schreibt ist jemand, der zu VERSTEHEN versucht, die Welt, die Menschen.

    Das ist mutig, das ist wichtig, das schenkt mir ZUversicht.

    Dankeschön und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

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